Was wäre, wenn die Schweiz ein Bio-Land würde? Dann würden auf über 93 Prozent der Landwirtschaftlichen Nutzfläche in der Schweiz keine Pestizide mehr eingesetzt. Das zeigt eine Studie des Forschungsinstituts für biologischen Landbau (FiBL).

Anzahl der Wirkstoffe auf 28 % reduziert

Würden die Schweizer Bäuerinnen und Bauern alle auf biologische Produktion umstellen, was würde dann mit dem Einsatz von Pflanzenschutzmitteln geschehen? Diese Frage haben sich die Forschenden des weltweit renommierten Forschungsinstituts für biologischen Landbau (FiBL) in Frick AG gestellt. Resultat: In einer reinen Schweizer Bio-Landwirtschaft würde die Anzahl der vom Bund erlaubten Pflanzenschutzmittel-Wirkstoffe von heute 383 auf 107 (28%) reduziert.

Von den verbleibenden 107 im Biolandbau schon heute erlaubten Wirkstoffen sind 66 lebende Organismen (Nützlinge), 15 Pheromone (natürliche Botenstoffe) und 26 sind Substanzen wie Pflanzenextrakte, Schwefel oder Kupfer. Insgesamt würde die eingesetzte Menge an Pflanzenschutzmitteln um mehr als 50 Prozent sinken. Insbesondere die heute wegen ihrer Rückstände problematischen chemisch-synthetischen Pestizide würden ganz verschwinden. Damit wäre ein starker Rückgang der Kontaminationen von Fliessgewässern, Grundwasser und Nahrungsmitteln mit Pestiziden zu erwarten.

Reduktion vor allem im Ackerbau und Grünland

Interessant ist vor allem, wie sich die Umstellung auf die einzelnen Bereiche der Landwirtschaft auswirken würde. Im Ackerbau, der heute knapp einen Viertel der landwirtschaftlichen Nutzfläche einnimmt, würde gemäss dem FiBL-Szenario «100% Biolandbau» weitgehend auf die Anwendung von Pflanzenschutzmitteln verzichtet. So könnten dort 98 Prozent der gegenwärtig verwendeten Menge eingespart eingespart werden. Gar keine Pflanzenschutzmittel sind in der biologischen Landwirtschaft im Grünland erlaubt. Ergo, würden die Neo-Bio-Bäuerinnen und -Bauern im Grünland, das mit rund 70 Prozent den Hauptteil der Landwirtschaftlichen Nutzfläche  in der Schweiz einnimmt, keine Pflanzenschutzmittel mehr einsetzen.

Anders sieht die Situation bei den Spezialkulturen Obst, Wein, Gemüse und Kartoffeln aus. Diese Kulturen nehmen zwar nur 3 Prozent der Landwirtschaftlichen Nutzfläche ein, aber auch im Biolandbau werden sie mit Pflanzenschutzmitteln behandelt; so dass dort nur 20 % der Menge an Pflanzenschutzmitteln eingespart würden. Die Risiken der Bio-Mittel sind aber deutlich geringer als die Risiken der chemisch-synthetischen Mittel.

Kupfer-einsatz würde sinken

In den letzten Jahren ist die Verwendung von Bio-Hilfsstoffen stark gestiegen, weil auch sehr viele konventionelle Betriebe auf die deutlich weniger problematischen Stoffe setzen. Die zehn absatzstärksten Produkte 2019 waren:

  • Schwefel
  • Paraffinöl
  • Glyphosat
  • Folpet
  • Kupfer
  • Mancozeb
  • Chlorothalonil
  • Metamitron
  • Rapsöl
  • Captan

Schwefel, Paraffinöl, Kupfer und Rapsöl sind unter bestimmten Bedingungen für den biologischen Landbau zugelassen, aber auch im konventionellen Landbau immer stärker verbreitet. Die anderen genannten Mittel gelten als chemisch-synthetische Pestizide und dürfen nur im konventionellen Anbau verwendet werden.

Zu beachten ist, dass nicht die Menge, sondern die Toxizität und die Anzahl Anwendungen ausschlaggebend für die Umwelt sind. Bei chemisch-synthetischen Mitteln reichen meist wenige Gramm pro Hektar, um ihre tödliche Wirkung zu entfalten.

Wenig problematisch ist das am häufigsten verwendete Pflanzenschutzmittel Schwefel. Das für Pflanzen und viele Tiere lebensnotwendige Element schützt vor Pilzbefall und kommt etwa gegen Mehltau im Obstbau zum Einsatz. Verwendet wird Schwefel sowohl in der biologischen als auch in der konventionellen Landwirtschaft. Schwefel gilt grundsätzlich als ungefährliches Pflanzenschutzmittel, auch was die Rückstände betrifft.

Problematischer kann der Einsatz von Kupfer sein. Das Metall reichert sich im Boden an, baut sich kaum ab und beeinträchtigt so das Bodenleben. Kupfer wird jedoch gemäss den Studienautoren heute in der Schweiz zu über 90 Prozent im konventionellen Landbau eingesetzt. Im Bioland Schweiz würde nicht mehr Kupfer eingesetzt als heute – tendenziell sogar eher etwas weniger. 

Positive Folgen hätte die Umstellung auf Bio nicht nur für die Fliessgewässer und das Grundwasser, sondern auch für andere Ökosystemleistungen wie Biodiversität oder Bodenfruchtbarkeit. Negativ wären die zu erwartenden geringeren Flächenerträge.

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