Seit dem Jahr 2000 stagniert der besonders problematische Stickstoff-Überschuss auf hohem Niveau. Er hat viel mit offenen Kreisläufen, importierten Futtermitteln und Kunstdünger zu tun. Die Politik zögert. Bio kann viel zur Problemlösung beitragen.

Agrarumweltindikatoren
Agrarumweltindikatoren Agrarbericht BLW 2019

Auswirkungen auf Ökosysteme

Vor 1900 war pflanzenverfügbarer Stickstoff ein knappes Gut. Innerhalb von nur 100 Jahren hat der Mensch den natürlichen Stickstoffkreislauf völlig aus dem Gleichgewicht gebracht. Es gelangen heute aus der landwirtschaftlichen Produktion gewaltige Mengen an biologisch aktiven Stickstoffverbindungen (Ammoniak, Nitrat, Lachgas) in die Atmosphäre, in das Grundwasser, in die Gewässer und in naturnahe Lebensräume. Sie richten dabei immense Schäden an und kosten viel Geld – zum Beispiel, wenn Seen künstlich belüftet werden müssen oder Wälder krank werden.

Ammoniak, Nitrate und Lachgas stammen überwiegend aus der Landwirtschaft.

Ein zentrales Umweltziel der Landwirtschaft ist, die Emissionen des Luftschadstoffs Ammoniak zu halbieren.

Die drei Problemkreise Überdüngung, Biodiversität und Klimawandel sind gravierend und eng miteinander verknüpft.

  • Zu hohe Stickstoffeinträge führen zu Schäden an der Biodiversität. Die Artenvielfalt in allen empfindlicheren Ökosystemen, insbesondere in Wäldern, Mooren, Trockenwiesen, wird auch weit weg von den Emissionsquellen reduziert.
  • Das wiederum vermindert die Ernährungsgrundlage von Bestäubern wie Bienen. 
  • Stickstoff-Verbindungen tragen stark zum Klimawandel bei, der seinerseits den Biodiversitätsverlust beschleunigt.
  • In Wäldern führen die Ammoniakeinträge zu Bodenversauerung, zu Nitratauswaschungen und zu weiteren Lachgasemissionen.
  • Nitrat belastet Grund- und Trinkwasser und führt zu toten Zonen in den Meeren.

Situation in der Schweiz

Quelle: Bundesamt für Umwelt

Die Schweizer Landwirtschaft weist sowohl in Bezug auf das geltende Umweltrecht wie auch im europäischen Vergleich viel zu hohe Stickstoff- und insbesondere Ammoniakemissionen auf. Bei Letzteren gehört unser Land zusammen mit Holland und Belgien zu den flächenbezogen grössten Emittenten Europas. Dabei stammen rund 93% aus der Landwirtschaft. Die kritischen Eintragsraten (Critical Loads) für Stickstoff (d.h. die nach dem Stand des Wissens aus ökologischer Sicht maximal tolerierbaren Stickstoff-Einträge in naturnahe Ökosysteme) werden in der Schweiz bei den empfindlichen Ökosystemen grossräumig überschritten

100% aller Hochmoore, 84% der Flachmoore und 42% der Trockenwiesen und –weiden, also auch Lebensräume weit ausserhalb landwirtschaftlich genutzter Gebiete, sind durch übermässige Stickstoffeinträge aus der Luft teilweise massiv beeinträchtigt. 95% der Schweizer Wälder sind mit Stickstoff überdüngt.

Quellen der Stickstoffbelastung der Ökosysteme

Von den gesamten Emissionen von stickstoffhaltigen Luftschadstoffen (Stickoxide und Ammoniak, bezogen auf den Stickstoff-Gehalt) werden 70 % von der Landwirtschaft ausgestossen, 18 % vom Verkehr, 9 % von Industrie und Gewerbe und 3 % von den Haushalten. Vom Stickstoff, den die Nutztiere im Harn und Kot ausscheiden, gelangt nur ein Teil mit dem Hofdünger bis zu den Pflanzenwurzeln. Der Rest entweicht in Form von Ammoniak und Lachgas in die Luft sowie als Nitrat in die Gewässer. Der Anteil der Ammoniakemissionen der Landwirtschaft an den gesamtschweizerischen Ammoniak-Emissionen beträgt rund 93%.

Die Erreichung der gesetzlich geltenden Vorschriften hängt somit massgeblich von der Landwirtschaft ab. Um die Immissionsgrenzwerte (u.a. Feinstaub), die Critical Loads für Stickstoff, die Critical Levels für Ammoniak und somit das Umweltziel Landwirtschaft sowie geltendes Recht einzuhalten, ist eine Reduktion der Ammoniakemissionen um ca. 40 % gegenüber dem Stand des Jahres 2005 nötig (Schweizerischer Bundesrat 2009).

Politik tut sich schwer

Die Politik hat den Handlungsbedarf Mitte der Achtziger Jahre erkannt und Ziele definiert. Nachdem einige Jahre die Düngerüberschüsse reduziert werden konnten, stagnieren die Stickstoffüberschüsse seit 2000 auf hohem Niveau. Statt der tolerierbaren 25’000 Tonnen gelangen seither weiterhin über 40’000 Tonnen in die Umwelt. Die Umweltziele Landwirtschaft von 2008 werden bei weitem nicht erreicht. Die Agrarpolitik 2022+ tut sich schwer mit der Thematik.

Sep
25

Agrarpolitik 22+: Was ist unterwegs?

Die geplante Agrarpolitik 2022+ sollte eigentlich Antworten auf die wichtigen Fragen geben, welche durch verschiedene Initiativen aufgeworfen werden. Bio bietet gute Lösungen an und sollte eigentlich mehr gefördert werden. Nun ist die Agrarpolitik im Parlament vorerst auf die lange Bank geschoben worden. Welche Bedeutung haben nun die Initiativen?

 

Bio geht mit Stickstoff sorgfältig um

Im Biolandbau darf kein synthetischer Kunstdünger eingesetzt werden. Für die konventionelle Landwirtschaft werden zum Beispiel jedes Jahr 2500 bis 3000 Tonnen Ammoniumnitrat importiert und auf die Felder ausgebracht. Dies entspricht der Menge und der Energie, die 2020 zur teilweisen Zerstörung von Beirut geführt hat.

Im Biolandbau ist die Tierzahl pro Hektare beschränkt. Für Experten: maximal 2.5 Düngergrossvieh-Einheiten DGVE sind pro Hektare erlaubt. Die Fütterung muss grundsätzlich auf der Basis des betriebseigenen Futters erfolgen.

Wiederkäuer wie Kühe, Ziegen oder Schafe müssen auf der Basis von Gras gefüttert werden. 2020 sind noch 10% Kraftfutter erlaubt, welches zu 90% aus der Schweiz stammen muss. Ab 2022 sind nur noch 5% Kraftfutter möglich, das zudem zu 100% schweizerischer Herkunft ist. Damit erzielt Bio eine Reihe von positiven Effekten:

  • Weil die landwirtschaftliche Nutzfläche der Schweiz zu 70% aus Grasland besteht, wird dieses optimal genutzt.
  • Kraftfutter kann oft auch der menschlichen Ernährung dienen, welche aus ethischen Gründen Priorität haben muss. Der Anteil am Tierfutter sinkt.
  • Weniger Soja, Mais und dergleichen in der Schweizer Tierfütterung heisst auch: die Nahrungsmittelproduktion in den Importländern kann den Menschen statt den Tieren dienen.
  • Der tierische Dünger bleibt im Kreislauf. Es kommen nicht noch grossen Mengen durch Import-Futter hinzu.

Bei Hühnern und Schweinen wird auch im Bio-Bereich importiertes Bio-Kraftfutter eingesetzt. Betriebe, die Futtergetreide importieren, müssen allerdings ihren Bedarf mit mindestens 80 % inländischem Futtergetreide decken. Importierte Futtermittel müssen aus Europa stammen.

Das heisst: im Biolandbau sind Kreisläufe geschlossener als im konventionellen Landbau, und das Düngerniveau ist tiefer. Dadurch entstehen viel weniger Düngerverluste in die Luft, das Grundwasser (Nitrat) oder Flüsse und Seen.

Da hohe Stickstoff-Düngermengen zwar zu mehr Ertrag, aber auch zu mehr Schadpilzbefall bei Pflanzen führen, sind Pflanzen im Biolandbau häufig robuster und weniger anfällig.

Was ist zu tun?

  • Mit mehr Bio kann die Problematik der Überdüngung wesentlich entschärft werden.
  • Um den planetaren Belastungsgrenzen gerecht zu werden, ist ein grundlegender Wandel des Ernährungssystems notwendig. In der Schweiz braucht es einen Green Deal analog zum Europäischen Green Deal.
  • Der in der Agrarpolitik diskutierte Absenkpfad Nährstoffüberschüsse ist ehrgeizig und schnell zu beschreiten.
  • Der Konsum tierischer Eiweisse muss deutlich reduziert werden. Gemäss Schweizer Ernährungsstrategie essen wir im Schnitt das Dreifache der als gesund geltenden Menge. 
  • Bio Suisse empfiehlt: wenn Fleisch, dann Bio.
  • Eine ressourcenschonende Ernährung kann die Emissionen von Ammoniak um bis zu 50 Prozent und die Emissionen von Nitrat um 35 Prozent senken.
  • Kreisläufe müssen geschlossen werden, und mehr Eiweiss muss in der Schweiz produziert statt importiert werden.

Links

Parlamentarische Initiative (19.474):Das Risiko beim Einsatz von Pestiziden reduzieren. Absenkpfad für Pestizide und Nährstoffüberschüsse

Interpellation Kathrin Bertschy (19.4480): Wie ambitioniert ist der bundesrätliche Absenkpfad tatsächlich?

Europäischer Green Deal mit Vom-Hof-auf-den-Tisch-Strategie und Biodiversitätsstrategie

Bundesamt für Landwirtschaft: Ressourcenschonende Ernährung

Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen: Ernährungsstrategie des Bundes und Schweizer Ernährungsstrategie 2017 bis 2024

Bundesamt für Umwelt: Stickstofflüsse in der Schweiz. Stoffflussanalyse und Entwicklungen.

Bundesamt für Umwelt: Stickstoff als Umweltproblem

Bundesamt für Umwelt: Ammoniak aus der Landwirtschaft

Bundesamt für Umwelt: Die Vielfalt erstickt

Thünen-Report Nr. 65, 2019: Leistungen des ökologischen Landbaus für Umwelt und Gesellschaft

SRF: Experten wollen mehr Schutz für Wälder

Richtlinien Bio Suisse

Agrarallianz Positionspapier Stickstoff (in Arbeit)

Mehr Infos zuR Stickstoff-Problematik